Fachbeitrag 16 - Wie eine kognitive Leistungsorientierung mit Verantwortungsbewusstsein in einem „Burn-Out“ münden kann

Eine Eruierung von Eric Funke

 

In einer Artikel-Veröffentlichung der „Wirtschaftswoche“ wird geschildert, dass eine Depression zunehmend Menschen treffe, die „sehr verantwortungsbewusst und leistungsorientiert“ seien. Die folgenden Ausführungen von mir beziehen sich auf diese Aussage als Ausgangspunkt. Weiter wird bei mir folgend ein „Burn-Out“ mit „Depression“ gleichgesetzt; es sind sicherlich einige Aspekte hier zu unterscheiden. „Burn-Out“ wurde jedoch von mir in der Überschrift gewählt, um den Bezug zur hiesigen Berufswelt zu verdeutlichen; im Artikel ist aber mehr die Rede einer „Depression“.


Einleitung:

Woher in solchen Charakterzügen (Leistungsorientierung u. Verantwortungsbewusstsein) das Gefahrenpotenzial für Depression innewohnt, sollte für jeden erkennbar sein.: Es sind die Erwartungshaltungen an sich selbst, die hier in großem Maße in die Bildung des eigenen Selbstbildes mit einfließen.

 

Wird das eigene von sich gewünschte Selbstbild in der eigenen Wahrnehmung von sich selber oder anderen nicht bestätigt, so kann es u. a. auf diese Weise zu einer Verringerung des eigenen Selbstwertgefühls kommen. Eine Depression korreliert oftmals stark mit dem Verlust des Selbstwertgefühls. Im Vorfeld habe sich ein solches Individuum m. E. stark von sich selbst und seiner Gefühlswelt entfernt; besonders in einem langwierigen, sich nicht erfüllenden Hergang, die Erwartungshaltungen Anderer und von sich selber (stark prägend vom sozialen Umfeld) zu erfüllen.

Die „Leistung“ bzgl. Leistungsorientierung, ist m. E. nur ein von Sozialisierung (ein-)geprägter Marker, an dem das eigene Selbstbildes gemessen wird; es könnte jedoch ebenso jeder x-beliebiger anderer sein.

 

Über das spezifische Gefahrenpotenzial der Persönlichkeitszüge „Leistungsorientierung“ und „Verantwortungsbewusstsein“

 

Die Gefahrenaspekte in den, von der Leistungsgesellschaft wohlwollend angesehen, Charakterzügen einer hohen Leistungsorientierung und eines hohen Verantwortungsbewusstseins liegen m. E. wie folgt darin:

  1. Eine (langfristige u. nachhaltige) Nicht-Bestätigung des eigenes Selbstbildes.

  2. Im Zuge größerer (beruflicher) Anstrengung: Langfristige Übergehen der eigenen Bedürfnisse, Befindlichkeiten u. Gefühle, in der Hoffnung (u. der dringend erachteten Notwendigkeit), die Erwartungshaltungen doch noch erfüllen zu können – um somit wieder die Bestätigung zu erlangen. Dabei kommt es m. E. zu einem vom Individuum bewussten „Negieren“ eigener persönlicher Bedürfnisse, Befindlichkeiten u. Gefühle, weil dies und jenes eben gerade getan werden müsse - eben notwendig sei. Möglicherweise in einem Hergang sich vorfindend, in dem sich letzten Endes das Individuum vergeblich abstrampelt.

  3. Wesentlicher Bestandteil dieser Geschehnisse beim Übergang zu einem sich manifestierenden depressiven Zustandsbild ist, die nachhaltige u. sich prägende Verringerung des eigenen Selbstwertes, bei nachhaltiger Nicht-Bestätigung. Auf diese Weise wird ein Mensch geschaffen, der von sich selbst und der vorliegenden sozialen Umwelt ohne „Selbstbewusstsein“ wahrgenommen wird und so in der Gesellschaft herumläuft. Und mit diesem neu erlangten Wesenszug bzw. -erscheinung sogar erneut auf zusätzliche Weise negativ wahrgenommen u. bewertet wird.

Über den Sinn verständisloser und forscher Umweltreaktionen

 

Im Wiwo-Artikel wird erwähnt, dass vom direkten sozialen Umfeld der Situation nicht-angemessene Ratschläge wie „Nun reiß' dich mal zusammen“ erfolgen. Auf die Berufswelt umgemünzt, möglicherweise verbreitete Aussagen von Kollegen o. Vorgesetzten.

Meine Beurteilung: Sind wir bereits an den Punkt angelangt, an dem das Individuum für die Umwelt sichtbare Ausschweifungen o. anderweitige Symptome zeigt, ist das Mühen um das eigene Selbstbewusstsein bereits verloren worden.

 

Ratschläge wie „Reiß dich mal Zusammen“ offenbaren Unkenntnis der vorliegend psychosozialen Situation. Es sei in dieser Situation m. E. ein Versagen psychologischer Mitarbeiterführung, wenn es von einem Vorgesetzten kommen mag. Sofern der Mitarbeiter sich tatsächlich im packenden und anspannenden Strudel einer Depression bzw. eines Burn-Outs befindet.

 

In weiterer Konsequenz strampelt sich das Individuum noch mehr ab, da die Umwelt bereits seinen Zustand wittert und bei Erfahrung dessen negativ bewerten würde. Dass etwas mit dieser Person nicht stimme; das eigene Selbstbild sodann noch mehr in die Tiefe gerät. Möglicherweise in der schwellenden Panik, es folgen gar existenzielle Konsequenzen, wie z. B. ein Arbeitsplatzverlust.

 

 

Über die emotionale Entkoppelung der Seele von der vorliegenden (Lebens-)Situation

 

Weiter wird in dem vorliegenden Wiwo-Artikel ein Klinikleiter zitiert, der äußert, dass „bei einer schweren Depression […] sich auch der disziplinierteste Mensch [sich] nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen [könne]“.

 

Das stimmt in der Tat. Und es ist nun weiter in diesem Zustand für das Individuum nicht mehr möglich, mit eigener Aktivität weiterhin eigene Bedürfnisse, Befindlichkeiten und Gefühle zu übergehen. Weiter werden sie möglicherweise aber gar nicht mehr wahrgenommen; denn kaum noch mit den eigenen Seelenaugen erkennbar. Es werde schlicht „nichts mehr gefühlt“, es läge „kein Selbstwertgefühl“ mehr vor.

 

Es scheint mir fast so, als würde sich nach einer langen Zeit der Fehl-Lebung des betroffenen Lebens der Geist bzw. die Seele sich von den Geschehnissen u. der Situation emotional entkoppeln zu versuchen und die Handbremse einzulegen. Und der Betroffene fällt in ein gefühlt schwarzes Loch, mit ebenso einhergehende Konsequenzen für die körperliche Gesundheit (u. a. Psychosomatisches Geschehen).

 

Im Wechselspiel mit eigener Erwartungshaltungen u. sozialer Umwelt ist hier ein Individuum in ein schwarzes Seelenloch gestürzt. Weiterführend ist im Wiwo-Artikel nun die Rede, man solle nicht versuchen, „mit der Krankheit alleine klarzukommen“.

 

Die Wahrnehmung des körperlich u. nicht mehr funktionierenden Zustandes ist es, was dem betroffenen Individuum jetzt auffällt bzw. für das praktische Weiterleben in die Quere kommt. Dass über psychosomatischem Wege, der Körper während des gesamten Depressionshergangs in gehörige Mitleidenschaft gezogen u. wahrgenommen wird, sollte nicht in Abrede gestellt werden.

 

 

Über den Umgang mit an Burn-Out oder Depression Erkrankten in solch einer Situation als Führungskraft

 

Weiter wird in dem Wiwo-Artikel nun dargelegt, wie die Führungskraft mit dem an Depression Erkrankten umgehe. Es ist die Rede von Stellen des Mitarbeiters in ein „Abstellzimmer“ und der Auflösung des Arbeitsvertrages.

 

Die Beweggründe einer Führungskraft zu solchen Schritten sollten klar sein; was aber geläufig nicht wahrgenommen wird, welch psychosozialer Dimension diesem Geschehen obliegt. Und ob wir als Gesamtgesellschaft wollen, das so etwas mit Mitmenschen passiere. Und Führungskräfte u. Vorgesetzte sind auch nur einzelne Menschen, die von psychosozialen Einflüssen u. Wirtschafts- u. Karrieredruck gebeutelt werden.

 

Aber: Wir als Gesamtgesellschaft entscheiden maßgeblich darüber, in Form der Gestaltung unserer politischen Welt u. des „Gesellschafts- und Wirtschaftssystems“, ob wir nachhaltig so leben wollen. 

 

In einem nachfolgenden Artikel, wird weiter dargelegt, was mit der Auflösung des Arbeitsvertrages aus psychosozialer Sicht passiert. Empfehlungen, wie Führungskräfte u. Vorgesetzte mit an Burn-Out o. Depression Erkrankten im Betrieb umgehen sollten, werden dort weiter führend dargelegt.

 

 

Was vorbeugend von einem in der Spirale befindlichen Mitarbeiter unternommen werden kann

 

Vorgebeugt wird (m. E.) der Etablierung einer psychischen Depression in diesem Kontext, ganz einfach, wenn das Individuum nicht über einen längerfristigen Zeitraum seine eigenen Befindlichkeiten u. Gefühle übergeht.

 

Sich möglicherweise sogar in letzter Konsequenz entkoppelt von den Erwartungshaltungen anderer Menschen bzw. dem vorliegend sozialen Umfeld. In so manch' Situationen muss dafür also das derzeitige direkte soziale Umfeld verlassen werden; und sich anderen Menschen zugewendet werden; zusätzlich für die Erfahrung von Neu-Erlebnissen im psychosozialen Kontext.

 

Viele Menschen sehen jedoch nicht das Potenzial und gar nicht erst die Möglichkeit des Wechsel der sozialen Umgebung; schon gar nicht als potenzieller Heilsbringer gegen eine Depression oder eines Burn-Outs. Stattdessen verinnerlichen viele Menschen die negativen (Wert-)Urteile von sich selbst u. ihres direkten Umfeldes, es brennt sich – relativ zügig und unerbittlich prägend - in ihre Psyche ein, lähmt sie und macht sie sodann machtlos, sich selber noch helfen zu können.

 

In diesen Strudel gerät man aber vorerst zunächst nur, wenn das eigene Selbstbild u. Selbstwertgefühl in hohem Maße über die Reaktionen anderer Menschen generiert wird. Fox Mulder (Akte X) sagte einst zutreffend, sinngemäß: „Würden Sie gerne anders Aussehen, Scully? Denken Sie mal darüber nach:. Ihre Umgebung würde auf Sie wohl völlig anders reagieren. Und vielleicht sind es ja die Reaktionen der anderen Menschen auf uns, die uns zudem machen der wir sind.“

 

Literaturverzeichnis:

  • https://www.wiwo.de/unternehmen/handel/psychische-erkrankungen-auf-dem-vormarsch-wie-chefs-richtig-mit-depressiven-mitarbeitern-umgehen/20640268.html 

 


Autor: Eric Funke; 13.04.2020